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Lutz Heidlindemann

Warum hast du den Beruf Gitarrenbauer gewählt?
Aus Liebe zur Gitarre seit dem 14. Lebensjahr. Talent zum Handwerk, Talent zur Musikalität , Hingabe zur Kunst, Ich bin ein Visionär.

Wie bist du dazu gekommen Gitarrenbauer zu werden?
Mit 26 Jahren, also Mitte der 80er Jahre kurz nach meinem Ankommen in Berlin, entdeckte ich die Gelegenheit in einem Gitarrenladen in Berlin Wilmersdorf eine Gitarrenwerkstatt zu übernehmen. Das klingt erst mal harmlos, hat aber bei mir eine Explosion ausgelöst. Ich wusste in diesem Moment, dass das mein ganzes Leben verändern würde, denn in diesem Beruf konnte ich alle meine Fähigkeiten bündeln: Handwerk, Musikalität, Hingabe zur Kunst und Selbständigkeit.

Ich muss dort wie angewurzelt gestanden haben wurde mir später erzählt, denn diese Haltung wurde als Ablehnung interpretiert. Die Gitarre war bis dato ein Mittel, mich musikalisch auszudrücken. Mehr nicht.

Verrückt war ja auch, dass ich absolut keine Vorkenntnisse im Gitarrenbau hatte. Gut, ich habe mich in vielen Bereichen unterschiedlichster Handwerke immer zu Hause gefühlt. Hatte ja auch eine abgeschlossene Ausbildung als Konditor. Ich hatte aber noch nie an einer Gitarre gearbeitet. Bis dahin hatte ich meinem Leben noch keine Richtung abgetrotzt – es mit Musik und Mädchen und Innenausbau vertrieben, doch immer um die Verantwortung gewusst, dass mir mal etwas Eigenständiges gelingen musste.

Andererseits habe ich es schon immer geliebt, mich kopfüber nur meinem Bauchgefühl vertrauend in das Leben zu stürzen.

Erst am nächsten Tag, nach einer schlaflosen Nacht, habe ich wie ein kleiner Junge darum gebeten den Job zu bekommen.

Nach einem Jahr Kleinreparaturen an Gitarren wollte ich es aber dann ganz genau wissen. Umgehend habe ich in Aachen, New York, San Francisco und Auckland NZ während einem Jahr Weltreise Praktika im Gitarrenbau und Modellbau absolviert. Nach meiner Rückkehr in Berlin habe dann meine erste Guitardoc Werkstatt in dem Wilmersdorfer Gitarrenladen eröffnet und den Namen Guitardoc eintragen lassen.

Nach wenigen Jahren, in denen ich dort Reparaturen und erste Einzelanfertigung von Gitarren gemacht habe, wollte ich meinen Beruf festigen und habe 1995 in Mittenwald die Meisterprüfung als Zupfinstrumentenmacher abgelegt. „I did it my way“ – und bin ein Paradebeispiel für die Zeit der Ich-AG der 80er Jahre.

Wie fühlt sich das an, seit beinahe 35 Jahren in deinem Beruf zu sein?
Ich kann das am besten und liebe es bis heute. Das fühlt sich gut an. Erfüllt mich. Vom ersten Tag an. Es fühlt sich für mich an wie in einer guten Ehe. Ich bin also glücklich verheiratet mit meinem Beruf. Ich werde manchmal gefragt, was ich denn mache, wenn ich im Alter aus meiner Firma aussteige. Die Frage ist für mich unpassend, unverständlich. Frag das mal ein Ehepaar.

Bist du glücklich in deinem Beruf?
Glück ist vergänglich wie ein Kuss, eine Berührung oder Begegnung. Es hat mich oft besucht. Ich habe versucht es zu halten, mitzunehmen, ihm einen sicheren Platz zum Verweilen angeboten. Glück macht was es will, aber es mag mich. Ich bin sehr zufrieden, das finde ich besser. Ich mache Gitarristen glücklich.

Wer ist dein Klientel?
Jeder der an die Werkstatttür klopft. Liebhaber. Spieler. Sammler. Profis. VIPs. Kinder. Ein Gespräch über die Arbeit führt zusammen. Es sind auch Freundschaften aus der Arbeit entstanden. Sehr gute. Mein Wirken ist so stabil und interessant, dass es eine gute Grundlage dafür bietet. Empathie ist auch sehr wichtig.

Was bedeutet für dich Kreativität?
Kreativität ist eine Frage von Leidenschaft, Wissen, Hingabe, Handwerk und Ignoranz bei der Umsetzung einer Idee. Die Verwandlung von Material und Idee zu einem klingenden Instrument durch meine Willenskraft und Inspiration. Danach bin ich süchtig.

Was bedeutet Klang für dich?
Klang ist ein komplexes Gebilde, etwas Bewegliches, Bildhaftes, Dreidimensionales, Meditatives. Klang unterliegt physikalischen Gesetzen. Im Sommer freue ich mich über den Regen. Ich spanne dann meinen Knirps in leichter Schräglage nach unten auf, dessen Mechanik schnellt sich aufspannend nach vorn und öffnet den Schirm mit einem satten Pong. Ich richte den Schirm auf und genieße den Klang des Regen, wie er auf die gespannte Membran fällt. Dass mich der Schirm auch vor Regen schützt ist mir erst nach einigen Schritten bewusst. Im Winter, wenn es schneit, macht ein Regenschirm klanglich keinen Sinn, schützt aber. Kirchenglocken höre ich faszinierend gern. In jeder Glocke schwingen alle Obertöne deutlich hörbar mit. Der Anschlag der Glocke schwingt weiter in tonaler Vielfalt und trägt doch auch das Ende in sich. Wenn drei oder vier Glocken im Turm läuten, die fein aufeinander abgestimmt sind, ist das ein Überschwall von Klang, der mir einfach zugeworfen wird. Die Gitarre macht das auch, aber du musst genauer hinhören. Bei dem Klang der Gitarre sprechen wir Gitarrenbauer von Einschwingverhalten, der akustischen Entwicklung, und dem Ausschwingverhalten.

Wie entsteht eine Gitarre?
Eine Gitarre zu kreieren vergleiche ich mit dem Komponieren von Musik oder dem Verfassen von Texten. Ich habe anfangs eine Inspiration, die mich aufwühlt und mich drängt ihr nachzugehen. In der Regel beginne ich mit einem Grundgerüst zur Idee. Ich arbeite mit vielen Notizen und wenigen schnellen Zeichnungen. Bei der anschließenden Recherche stoße ich auf Ideen, die ich einsortieren kann oder auch an Grenzen des Geschmacks oder der Machbarkeit. Hierbei entsteht oft der Arbeitstitel zum Instrument. Manchmal steht der Name aber auch schon vorher fest. Vor dem Bau des ersten Prototypens durchlaufen alle Ideen wieder einer Prüfung, mit Anthony zusammen auf Machbarkeit, der Abstimmung von Holz zur Farbe oder Farbe zum Holz, der Wirkung aller Komponenten zueinander. Meine Hölzer haben ihre individuellen Eigenschaften, die ich in Auswahl und Stärke frei kombinieren kann. Auch nachdem die erste Gitarre dann gebaut ist, ergeben sich oft noch kleinere Veränderungen. Die Kunden bringen auch Wünsche in ihre persönliche Gitarre ein. Ich helfe dann gern mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen. Ein kleiner Schritt der Veränderung zieht oft andere Schritte mit sich, bis schließlich ein harmonisches Gesamtbild entsteht.

Wie wird bei LuK gearbeitet?
Grundsätzlich baut Anthony alle LuK Gitarren. Die Bundierungen und ihre Vorarbeiten mache ich. Wir arbeiten heute mit dem gleichen minimalistischen Maschinenpark und Werkzeugen wie alle Gitarrenbauer in den 50er Jahren. Langsam, suchend, bewusst, fühlend, hörend, präzise, mit Hingabe. Handwerk eben.

Warum benutzt du nur altes Holz und das Holz von selbst gefällten Bäumen für die LuK Gitarren und die Restaurierung von Vintage Gitarren?
Weil ich es ständig suchen und finden darf. Was für ein Luxus!! Sensationelle Erlebnisse wie der Schatz von Bubenreuth, der Schatz von Oberfranken, die Erle aus Rottstock und der Schatz von Potsdam Mittelmarkbereichern mein Wirken und historisches Wissen als Gitarrenbauer ungemein. Im Zusammenhang mit diesen Holzerlebnissen habe ich Kontrolle über die Herkunft und die langsame Trocknung der Hölzer. Ich kann sie der jeweiligen Gitarre klanglich wie auch historisch zuordnen. Ich besitze, vom Thünen-Institut für Holzforschung zertifiziert, Palisander, Ebenholz und Mahagoni von Bäumen, die 1960 geschlagen wurden. Es sind exakt die Hölzer aus der Zeit, in der die frühen E-Gitarren gebaut wurden. Diese Hölzer für die Restaurierung von Gitarren-Schätzchen aus dieser Zeit einsetzen zu können, ist einmalig. Teilweise erlauben wir uns den Luxus, die alten Hölzer auch bei unseren LuK-Gitarren zu verarbeiten. Die Hälse und Griffbretter der LuK Franklin 68 bauen wir nach Kundenwunsch daraus. Die ganze LuK Desire Serie und die SMG sind aus diesen alten Hölzern gebaut. Jeder Kunde hat die Möglichkeit diese Hölzer für seine spezielle Gitarre auszusuchen. Und noch ein Grund alte Hölzer und das von selbstgefällten Bäumen aus der Region zu benutzen ist: Mein Carbon Footprint soll immer perfekter werden.

Welche Farben bevorzugst du?
Eine Farbe kann der Grundstein zum Entstehen einer Gitarre sein. Farben und Farbgebung ergeben sich aus dem Erleben von Holz und Klang. Farben sind ständig um mich herum. Nach meinem letzten Besuch im Bauhausmuseum in Dessau stand ich beinahe schwindlig von Farben und Formen wieder auf dem Parkplatz. Museumsbesuche begeistern und durchdringen mich gleichermaßen. Farben sind ein Teil im Wechselspiel, im Wettrennen um die Gestaltung. Ich lande da oft im Traditionellen. Ich mag stimmige schlichte Eleganz.

Was widerspricht deinen Vorstellungen im Gitarrenbau?
CNC Design und CNC hergestellte Gitarren. Modifiziertes Holz, verändert durch Hitze, Räuchern oder Verpressen. Greenwashing namhafter Hersteller in allen Bereichen. Kommerz und schlecht gemachte Werbung.

Sammelst du Gitarren?
Ich habe einige Original-Gitarren aus den 50er Jahren der ersten Auflagen des E-Gitarrenbaus. Sie inspirieren mich derart dominierend, dass ich mich fallenlassen kann, ihnen ewig zuhören und sie anschauen muss. Leider werde ich die LuK Gitarren, die wir heute bauen, nicht in 50 Jahren hören können.

Du handelst mit Vintage Gitarren und restaurierst sie auch. Wie kommst du an diese Instrumente?
Was geschieht mit ihnen? Sie werden mir per Mail angeboten oder direkt in meine Werkstatt gebracht. Online Gitarren ankaufen würde ich nicht. So bleibt dieser Vintage Bereich in einem Rahmen, der mir erlaubt, diese Gitarren zu genießen. Ich fühle mich für diese Instrumente, wenn sie mich berühren und mir ihre Geschichte eröffnen, irgendwie verantwortlich. Darum restauriere ich sie auch lieber selber und überlasse das nicht anderen durch einen flapsigen, schnellen Verkauf mit Gewinn. Ich will die Gitarren ja auch guten Gewissens weitergeben. Ihre Biografie erweitern. Einen Rückläufer eines unzufriedenen Kundens hatte ich noch nie. Ich gebe meinen Kunden die Sicherheit, die gekaufte Gitarre zum gleichen Preis wieder anzukaufen. Das geschieht manchmal nach einiger Zeit. Ich prüfe jede Vintage Gitarre vor dem Ankauf auf Herz, Nieren, Originalität und Datumsicherheit. Bei den Lackierungen machen das Anthony und ich zusammen. Da Anthony alle Lackierarbeiten im Neubau und der Restaurierung ausübt, kann ihm da niemand was vormachen. Außerdem steht er in gutem Kontakt mit Lackierern aus dem Fender Customshop. Eine Schwarzlichtlampe, die nur über den letzten Lacküberzug Auskunft gibt, benutzen wir nicht. Alterszeichnungen und Merkmale von alten Lacken sind sicherer physikalisch zu erklären. Meistens werden mir die Vintage Gitarren mit einer persönlichen Geschichte angeboten. Die Beweggründe zum Verkauf sind ebenfalls oft spannend. Dann mit den Anbietern deren ideellen Wert gegenüber dem technischen Zustand und dem eigentlichen Marktwert zu stellen um einen Ankaufswert zu ermitteln ist manchmal nicht so einfach und führt nicht immer zu einem für beide Seiten passenden Ergebnis. Dann eher zu einer nüchternen Betrachtung. Das Gute ist, ich muss bei keinem Angebot zuschlagen. Ich kann, wenn es zwischen dem Anbieter und mir stimmt, kaufen. Ich habe da eine sichere Grundlage. Es gibt aber auch diese Gitarren, die ich unbedingt will. Nur für mich erst mal. Da komme ich ins Schwimmen trotz aller Qualifikation und kaufmännischer Erfahrungen. Diese besonderen Gitarren inspirieren mich sehr oft zu Ideen zu den LuK Gitarren. Da greift eins ins Andere.

Bist du ein guter Gitarrist?
Das will ich nicht beurteilen. Ich habe den Gitarristen vielleicht hinter dem Handwerk versteckt. Grooven kann ich. Einer meiner Kunden hat mich mal in einem anderen Gitarrenladen an meinem Spielen erkannt, kam dann auf mich zu und sagte zu mir “So spielt nur einer.“ Das ist mir ein großes Kompliment. Ein guter Gitarrist sollte wissen, was bei seinem Spielen herauskommt.

Wer ist dein Lielingsgitarrist?
Alle, die wirklich gut sind. Alle mit wirklich echtem Talent, Leidenschaft und einer eigenen Handschrift. Gitarrenspieler, die sich ständig verändern und danach suchen, wie es ihr Leben ihnen vorschreibt. Wirklich kommt für mich von Wirken, Werken, Suchen, Veränderung, Wandel. Wie in der Kunst, die kommt auch nicht von wünschen.

Welche ist deine Lieblingsgitarre?
Die Tele der ersten Jahre von 1952 und 53. Diese Gitarren haben eine vollendet reduzierte Form, der ich die Herstellungsschritte zum Teilindustriellen deutlich ansehen kann. Null Schnickschnack. Die unschlagbare Halsform als asymmetrische Besenstange bei 23mm am 1. Bund. Der Kopf in perfektem Design zum Körper. Die klanglichen Variablen bieten mir alles was ich brauche. Aber stell mir die Frage in 2 Jahren wieder!!

Welche Musik hörst du?
Keine. Außer dem Radio habe ich keine Wiedergabegeräte für Musik. Na gut, mein Handy. Manchmal tritt Musik an mich heran, die mich zum Zuhören zwingt. Ich höre sie dann so intensiv, bis jedes Detail in mir angekommen ist und ich die Zusammenhänge verstanden habe. Auch hier in der Musik, wie in der Kunst, den Farben und den Formen ist das, was mich anspricht reduziert, ohne Firlefanz und ausdrucksstark. Eigen. Oft sentimental. Ich könnte 1 Stunde lang nach dem Beat von Sexy Motherfucker von Prince tanzen. Die Tanzfläche wird bei dem Song immer gestürmt. Wenn dann nach vier Minuten das Stück wechselt, bin ich der erste, der beinah enttäuscht abzieht und wieder seinen Drink sucht.

Welche Bücher liegen gerade an deinem Lesesessel?
Iris Wolff - Die Unschärfe der Welt, Nacho Banos - The Blackguard, Clemens J Setz - Die Stunde zwischen Frau und Gitarre Peter Wohlleben zum nachschlagen.

Anthony Schneider

Warum hast du den Beruf des Gitarrenbauers ergriffen?
Als Teenager lernte ich Gitarre zu spielen und hatte Spaß an handwerklichen Arbeiten. Mein Vater war damals sehr unglücklich mit seinem Job und riet mir nach der Schule etwas zu tun, was mir Freude bereitet. Während des Abiturs war ich mir sicher, kein Studium beginnen zu wollen, sondern stattdessen in eine Lehre zu gehen. Da ich schon seit Kindertagen meinem Vater, einem hervorragenden Handwerker, zur Seite stand, alles mitmachen wollte und auch durfte, setzte ich mir in den Kopf, einen Handwerksberuf zu erlernen. Da zu der Zeit mein größtes Hobby die Gitarre war und ich, im Gegensatz zum Handwerk, als Musiker eher begrenztes Talent hatte, lag es nahe, den Beruf des Gitarrenbauers zu wählen.

Wie bist du dazu gekommen?
Ich verschickte damals bundesweit ca 50 Bewerbungen und bekam neben den 48 Nichtantworten zwei Absagen. Fest stand aber, dass wir zunächst unsere Heimat verlassen wollten, um in einer anderen Stadt gemeinsam eine Wohnung zu mieten. Meine Frau war damals zeitgleich mit der Schule fertig und wollte Erzieherin werden. Da dies theoretisch überall möglich war, überlies sie mir die Entscheidung über unseren zukünftigen Wohnort, da ich mich ja jetzt um eine Alternative zur Gitarrenbauerlehre kümmern musste. Ein paar Monate vorher waren wir auf einem Konzert in Berlin. In der „Potse“ in Charlottenburg besuchten wir ein Punkkonzert. Sänger und Gitarrist „Ed Brennt“ mit Schlagzeugerin „Anna Popertze“ waren Teil eines unvergesslichen Wochenendtrips. Wir waren Teenager vom Dorf, verliebt in eine Großstadt. Ich hatte mich danach kurzerhand für ein FSJ angemeldet und einen Platz im Altenpflegeheim am Kudamm bekommen. Morgens um vier in die U-Bahn und um fünf Uhr hatte ich die erste Windel gewechselt. Noch am ersten Tag fuhr ich nach Kreuzberg in die Handwerkskammer, erzählte dort, dass ich eigentlich Gitarrenbauer werden wollte und nun nach einer Alternative suchte. Die Dame dachte kurz nach und erzählte von Ihrem Bruder, einem Bassisten, der seine Instrumente immer ans „Schlesi“ brachte. Sie wollte das überprüfen und mich am nächsten Tag zurückrufen. Dabei fand sie GUITARDOC Lutz Heidlindemann, bei dem ich mich noch nicht beworben hatte, weil er nicht als Ausbilder gelistet war. Die Frau überreichte ihm meine Bewerbung und kündigte an, sich um alles zu kümmern, falls ein Ausbildungsvertrag zustande kommt. Ich stellte mich also in der Werkstatt vor, kurzes Probearbeiten und am 1.10.2008 ging ich in die Lehre.

Wie fühlt es sich an, zehn Jahre nach der Ausbildung, ein Gitarrenbauer zu sein?
Jut! Das sind immerhin auch 13 Jahre Berlin. Ich habe mich hier nach der Ausbildung niedergelassen und eine Familie gegründet. Alles mit Rückenwind durch meinen Beruf. Aber zehn Jahre mit dem Gesellenbrief sind gleichzeitig total surreal. Es fühlt sich immernoch ganz frisch an, jedoch mit mehr Sicherheit bei komplizierten Aufgaben. Wahrscheinlich weil alles ständig im Wandel ist und Lutz alljährlich mit spannenden Geschichten und Schätzen um die Ecke kommt.

Wo sind deine wesentlichen Talente als Gitarrenbauer?
Ruhe und Geduld sind meine größten Stärken bei der Arbeit. Außerdem habe ich eine gewisse Intuition was das führen von Werkzeug angeht.

Bist du glücklich in deinem Beruf?
Ich bin heute so glücklich wie am ersten Tag und stehe Montag Morgen gern auf, um in die Werkstatt zu fahren, während andere bereits Sonntag Abend schlechte Laune haben, weil das Wochenende vorbei ist.

Ich mag es sehr mit einem Musiker ein Instrument zu planen und organisiere gern die Produktion. Am liebsten habe ich Tage an denen viel passiert, wo Späne durch die Werkstatt fliegen und ich am Ende viele Ergebnisse sehe. Als ein sehr visueller Typ kann ich mit stundenlanger Computerarbeit nicht viel anfangen.

Wie sieht, als Erzgebirgler, deine handwerkliche Vergangenenheit aus?
Als Kind war mir die Laubsäge quasi an die linke Hand gewachsen. Die Rechte hatte die Form einer Zwinge, die das Holz gehalten hat. Zur Einschulung bekam ich meinen ersten Werkzeugkasten auf dem: „Sägen mit Siggi“, stand. Der Umgang mit der Laubsäge, Feilen und Schleifpapier, bildhaft erklärt von Siggi. Als Erzgebirgler war klar, dass Schwibbögen und Weihnachspyramiden an unzähligen Winterabenden in der Kellerwerkstatt meines Vaters entstanden. Dort stand ein kleiner Ofen, den wir mit Holzresten oder Fichtenholz aus dem Wald fütterten. Ich sägte an meiner Werkbank und mein Papa baute seine Bilderrahmen oder andere Dinge. Manchmal vergingen Stunden, ohne dass einer von uns ein Wort sagte.

Hast du Berlin perspektivisch bewusst für dich als Gitarrenbauer gewählt?
Berlin als Standort ist auf jeden Fall von Vorteil. Besonders Kreuzberg, wo sich mittlerweile ein Großteil der Musikbranche angesiedelt hat, ist der perfekte Ort für Dienstleistungen, für hochwertige Wartungsarbeiten, Umbauten oder Spezialanfertigungen. Das habe ich aber im Alter von 18 Jahren nicht gesehen. Da waren die Faktoren Großstadt, eigene Wohnung aber dennoch nur drei Autostunden von der Familie entfernt zu sein, wichtiger.

Was sind deine Arbeitsbereiche in der Firma Guitardoc?
Ich bin für die Anfertigung unserer LuK Gitarren nach Kundenwunsch zuständig. Das beinhaltet die Auftragsannahme, Materialbeschaffung, Planung, Durchführung und Auslieferung. Im Reparaturbereich führe ich alle Leimarbeiten wie Kopfbrüche, Deckenrisse oder Neckrets durch. Lackreparaturen und Arbeiten an Elektroniken gehören mittlerweile auch zu meinen Fachbereichen.

Welche Ziele und Objekte bei LuK Guitars stehen für dich in den nächsten ein bis zehn Jahren an?
Ein aktuelles und oberstes Ziel ist die Fertigstellung der ersten M95 Prototypen - unser erstes Westerngitarren-Modell. Danach beginne ich mit der Entwicklung einer eigenen Archtop Serie. LuK Guitars feiert demänchst 30 jähriges Bestehen, was auch gebührend gefeiert wird. Ansonsten bedeuten zehn Jahre, bei aktuellem Auftragsvolumen, 200-250 wunderbare Instrumente mit individuellen Geschichten, auf die ich mich sehr freue.

Wie kommt man dazu, sich eine Gitarre von dir bauen zu lassen und wie lange dauert das?
Viele Musiker sind auf der Suche nach einem Guten Werkzeug, zum Beispiel für die Bühne, auf das sie sich verlassen können. So wie der Koch sein eigenes Messer hat. Andere suchen nach Inspirarion oder Klängen. Es gibt jene, denen an einem Insdustrieprodukt immer irgendwas fehlt oder solche, die es lieben, sich etwas maßgeschneidert anfertigen zu lassen.

Im Normalfall liegt die Fertigungszeit für eine E-Gitarre bei 50-70 Stunden. Bei einer Westerngitarre eher 100-120 Stunden. Nach oben hin ist da alles offen. Mehr Intarsien, mehr Schnitzereien oder eine aufwendige Lackierung. Im Customshop Bereich können weit mehr Stunden zusammen kommen. Dabei versuche ich die Wartezeit auf ein Instrument immer im Bereich von 3-4 Monaten, von der Besprechung bis zur Auslieferung, zu halten. In dieser Zeitspanne bleibt irgendwie der Spirit von der Planung des Instruments erhalten und ich lasse ihn bei der Fertigung einfließen. Wenn ich im Frühling ein Instrument plane und es erst im Winter baue, geht das verloren.

Was bedeuten dir Farben im Gitarrenbau?
Farben sind ein spannendes Thema. Wenn der Koffer aufgeht, steht und fällt der erste Eindruck zum Instrument mit der Farbe. Hier entstehen sofort Emotionen wie Sympathie oder Abneigung, Vertrautheit oder Überraschung. Bei der Anfertigung einer Gitarre müssen schon im Vorfeld alle Teile farblig abgestimmt werden. Lack, Hölzer, Hardware, Inlays, alles muss am Ende harmonisch sein oder in einem Zusammenhang stehen. Eine hässliche Gitarre wird seltener gespielt.

Welchen Geruch haben die Hölzer die du bei den LuK Gitarren verarbeitest? Wo kommen die Hölzer her?
Ich verwende heimische Hölzer wie Erle und Ahorn. Diese finde ich vor den Toren der Stadt, wo wir jeden Januar einen Baum fällen, aufsägen und abstapeln. Bei der Verarbeitung erinnern mich die vertrauten Gerüche an meine Kindheit: Wald, Moos, Pilze und Nüsse. Fremde, bittere bis stechende Gerüche verursachen Tropenhölzer wie Palisander, Ebenholz und Mahagoni. Hier verarbeiten wir alte Bestände aus den 60-80er Jahren, die wir von Bildhauern, Tischlern oder Drechslern aus meiner Heimat bekommen, die einst Räuchermänner und Nussknacker daraus fertigten. Dabei hat jedes Holz seine spezifischen Eigenschaften. Die gleichen Arbeitsschritte oder Techniken führen bei unterschiedlichen Hölzern zu verschiedenen Ergebnissen in verschiedenen Zeitfenstern. Hier gilt es die Eigenschaften zu kennen und sorgfältig Werkzeuge und Techniken je nach Holzart auszuwählen.

Was bedeutet Kreativität für dich?
Kreativität ist in erster Linie Vorstellungsvermögen für mich - sie spielt sich ausschließlich im Kopf ab. Die Hände sind das Ausgabemedium, das den kreativen Output zu etwas Greifbarem macht, das meinen Gedanken und Vorstellungen eine Form gibt und mir ermöglicht, auch die Wünsche und Ideen meiner Kunden in die Tat umzusetzen. Das nenne ich dann Handwerk.

Was bedeutet Klang für dich?
Häufig werde ich gefragt ob eine Gitarre gut klingt, oder wie ein bestimmter Tonabnehmer klingt. Wie klingt Ahorn? Eine Antwort auf diese Fragen fällt mir oft schwer, weil das Hören eine individuelle Wahrnehmung ist. Jeder spürt bei bestimmten Klängen auch Gefühle, die mit Worten in Verbindung gebracht werden können und damit ausgedrückt werden, doch mein Gegenüber hat bei den gleichen Worten oder Klängen vielleicht völlig andere Gefühle. Wie soll ich also einen Klang objektiv beschreiben?

Hast du Vorbilder als Gitarrenbauer?
Nein, konkret gesehen nicht. Ich denke, im Gitarrenbau geht es vorallem um Esthetik, Funktionalität, Innovation, um Geschmack und ein Stück weit auch um künstlerische Freiheiten, die von jedem invidiuell wahrgenommen und interpreitert werden können. Da gibt es unzählige Gitarrenbauer, denen ich auf Messen oder ähnlichen Veranstaltungen begegnete, die mich inspirieren oder mit ihren Instrumenten beeindrucken aber als Vorbilder würde ich sie nicht definieren - vielmehr als eine Art Anreiz.

Spielst du auch Gitarre? Was für Musik hörst du dir aufmerksam an?
Wenn man diesen Beruf allumfassend ausführt, muss mann schon einen Bezug und eine Leidenschaft für das Instrument haben. Dazu gehört auch das Spielen. Wenn Kunden bei der Planung einer Gitarre über Handling und Spielgefühl sprechen, muss ich schon wissen worum es geht. Musik habe ich immer schon viel gehört. Früher war das nur Punk, alles andere ging nicht. Meine Eltern waren immer Country Fans, wovon ich etwas abbekommen habe. Heute höre ich am liebsten Popmusik in der Electro-Rap Ecke á la Fynn Kliemann, Alligatoah oder Peter Fox. Aber auch laute Gitarrenmusik von Enter Shikari, Letlive oder Beatsteaks läuft bei mir täglich.

Was ist dein größter Wunsch als Gitarrenbauer?
Mein größer Wunsch ist, dass die Gitarre als Musikinstrument noch lange lebt und genutzt wird. Aktuell mache ich mir da keine Sorgen. Die Gitarre ist zeitlos angesagt aber das kann sich ändern. Die Produktion und der Konsum von Musik hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem verändert. Dagegen ist die Gitarre als Instrument sehr stabil geblieben.

Wie sieht deine Zukunft als Gitarrenbauer aus?
Ich werde mein doch sehr traditionelles Handwerk mit Stolz und Freude weiterführen und es wieder und wieder in die Moderne bringen. Ich freue mich auf viele klassische Instrumente, aber auch auf wilde Experimente und Exkurse mit moderner Technik. Als Dienstleister stehe ich unseren Kunden mit Rat und Tat zur Seite und möchte weiterhin Berlins erste Anlaufstelle für professionelle Reparaturen, Umbauten oder Anfertigungen sein.